08. März 2019

„Liebste Fenchel“

Staufer-Quartett und Sprecher Stefan Wancura gestalteten spannungsreiche musikalisch-literarische Soirée in der Bücherei

Wer war jene ältere Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die dieser liebevoll in seinen Briefen mit „Liebste Fenchel!“ anredete? Fanny Hensel wurde im November 1805 geboren und heiratete 1829 den Porträtmaler Wilhelm Hensel. Sie war eine begnadete Pianistin und Komponistin der deutschen Romantik. Von ihrer Familie wurde ihr Talent zwar gefördert, aber eine Veröffentlichung und eine öffentliche musikalische Karriere weitgehend untersagt. Erst gegen Ende ihres Lebens – sie starb plötzlich im Jahr 1847 - veröffentlichte sie entgegen diesem Dogma einige Werke. Insgesamt 450 Kompositionen stammen aus ihrer Feder, darunter sind 250 Lieder. Die vollständige Herausgabe ihres Werkes steht erst noch in den Anfängen. Ihr Leben, ihr Temperament und ihre Beziehung zu dem erfolgreichen Bruder zeichnete Stefan Wancura nach und das Stauferquartett interpretierte das anspruchsvolle und eigenwillige Streichquartett in Es-Dur.
Grundlage für Stefan Wancuras Texte war der Roman „Liebste Fenchel!“ von Peter Härtling. Die gekonnt ausgewählten Passagen aus dem Roman, der Fiktion und biographisch fundierte Fakten mischt, ergänzte Wancura durch erläuternde Texte zu Leben und Werk, zur Geschichte und zu Situation der Frau in dieser Zeit. Im Mittelpunkt standen die Briefe und Begegnungen der Geschwister. Ein gemeinsamer Besuch der Geschwister bei Goethe, Reisevorbereitungen von Felix und einem Urlaub in Frankreich, bei dem sie das ganze Dorf zum Singen und Klingen brachte. Felix berichtete seiner Schwester von einem Konzert in Leipzig, bei dem auch ein Lied von ihr vorgetragen wurde, er erteilte außerdem seinen „Handwerkersegen“ für ihren Entschluss, sich unter „unsere Zunft zu begeben…möge dich das Publikum nur mit Rosen und nie mit Sand bewerfen“. Und schließlich Gedanken Fannys zu ihrem Streichquartett in Es-Dur, das sie in Gedenken an das Leben von Frederike Robert schrieb. Die schöne Friederike hatte zunächst „eine schreckliche Ehe mit einem italienischen Schmuckhändler“, sie flüchtete zu ihrem Bruder verliebte sich und starb wie ihr Mann in Baden-Baden an Cholera. Und weiter: „Das Quartett bewegt sich, wie sich Friederike bewegt hat“. Genau dieses Streichquartett interpretierte das Stauferquartett (Adelheid Kohlberg (Violine), Vanessa Wiesinger (2. Violine), Gerhardt Löffler (Bratsche), Johannes Ehret (Cello) mit all seinen rasanten und turbulenten Passagen, aber auch mit fröhlichen und leichten Melodien. Zum Auftakt spielte das Staufer-Quartett eine Fuge aus dem wohltemperierten Klavier von Johann Sebastian Bach und außerdem das Präludium zu vier Stimmen in C-moll von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Es entstand an diesem Abend ein wunderbarer Bilderbogen mit verschiedensten Facetten. Er erzählte aus einem ungewöhnlichen und beeindruckenden, der Musik und der Kunst gewidmeten Leben.