20. Mai 2012

Im Fokus: „Verlorene Töchter“

Literatursommer an der Öffentliche Katholische Bücherei – Mediathek

 

Im Fokus des Literatursommers der Baden-Württemberg-Stiftung steht in diesem Jahr „60 Jahre Literatur in und aus Baden-Württemberg“. Gleich zu Beginn des Veranstaltungsreigens hatte die Bücherei am Donnerstag vergangener Woche ins Obere Schloss eingeladen - zu einer szenischen Lesung mit zwei Schauspielerinnen des Theaters Lindenhof und anschließendem Gespräch mit der Autorin. Das Schicksal von Frauen hat Dorothee Keuler in ihrem Buch „Verlorene Töchter – Historische Skandale aus Baden und Württemberg“ aufgearbeitet. Die Frauen wurden verehrt und verlacht, manche verlästert und verleumdet, andere berüchtigt und einige sogar berühmt.

 

Ida Ott und Carola Schwielen gelang es hervorragend, in ihrer szenischen Lesung das Leben von vier Frauen aufzublättern. Ausgewählt hatten sie die Oberdischinger Elisabeth Gassner, heute noch bekannt als „die schwarze Lies“, die Uhlbacher Schultheißentochter Anna Maria Ohnmais, Minna Birch und die berühmte Stuttgarter Opernsängerin Anna Sutter. Es sind Geschichten von Frauen, die die „gottgewollte Ordnung der Geschlechter und Stände mit Skandalen erschütterten“, so betonte die Tübinger Journalistin Dorothee Keuler. Die Gassnerin machte sich in ihrem Milieu einen Namen – durch ausgesprochen freche und erfolgreiche Diebstähle, sie wurde allerdings überführt und 1788 enthauptet. Wenige Jahre zuvor brachte Anna Maria Ohnmais heimlich ein uneheliches Kind zur Welt, direkt nach der Geburt ermordete sie in einem Anfall von Panik das Kind. Auch sie wurde zum Tod verurteilt, allerdings wandelte Herzog Carl Eugen die Strafe in zehn Jahre Zuchthaus um, diese Zeit überlebte sie aber vermutlich nicht. Für den verheirateten Vater des Kindes hatte alles keine Folgen.

Minna Birch arbeitete als Nationalschauspielerin zu Mannheim, auch sie wurde schwanger. Der Vater des Kindes, Hermann von Hillern war aber bereit, sie zu heiraten. Das Kind kam denn auch schon nach kurzer Ehe auf die Welt, wurde versteckt und gedieh prächtig. Zu prächtig, um es drei Monate später als Frühchen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Die Großmutter hatte einen Ruf zu verlieren, denn sie zählte zur deutschen Theaterprominenz. Sie half mit Rhabarbertropfen nach, das überlebte das Kind allerdings nicht, es wurde ungetauft und unter falschem Namen beerdigt, die Mutter erholte sich davon nur schwer. Berühmt wird Wilhelmine von Hillern später durch das Stück „Die Geierwally“. Die berühmteste Lebensgeschichte ist sicher jene von Anna Sutter, die von einem ihrer abgelegten Liebhaber ermordet wird, damals erschien sogar ein Stuttgarter Extrablatt unter dem Titel „Unser Sutterle ist tot“.

Im Anschluss an die szenische Lesung stellte sich Dorothee Keuler den Fragen von Büchereileiterin Marianne Ruckdeschel. Keuler arbeitete lange Zeit als Radioautorin und bearbeitete viele landeskundliche Themen, so entstand die Idee, die recherchierten Geschichten in Buchform zu bringen. Sie hat inzwischen eine Geschichte der Frauenberufe erarbeitet und „Fontanes Effie Briest recycelt“, so Keuler, sie würde am liebsten, „weiter munter Bücher schreiben. Von mir aus kann das gerne so weiter gehen.“ In ihrer Arbeit stützt sie sich auf das Fachwissen von Historikern, sie recherchiert aber auch in Tagebüchern und Gerichtsakten. Und wichtig ist es ihr, verschiedenste Hintergrundinformationen zu der jeweiligen Zeit und den damaligen Verhältnissen zu geben. Das nächste Buchprojekt ist bereits in Arbeit, Details wollte sie aber noch nicht verraten.

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