04. Mai 2012

Besonderer Charme eines besonderen Ortes

 

Mitglieder des narrenbundes reinigten Skulpturen an der Josefskapelle

Mit einem alten, runden Schlapphut auf dem Kopf zog der Bildhauer Wilhelm Freiherr von Rechenberg eineinhalb Jahre lang Morgen für Morgen zur Josefskapelle, um vor Ort zu arbeiten. Er hatte 1953 den Auftrag erhalten, einen Kreuzweg aus 14 rund zwei Meter hohen, rechteckigen Schilfsandsteinen zu gestalten. Fern von seiner Familie lebte er in dieser Zeit in Neuhausen. Die Skulpturen wurden im vergangenen Jahr von Mitgliedern des Narrenbundes gesäubert und stehen rings um die Josefskapelle, Bäume und Sträucher wurden außerdem ausgelichtet.

 

„Zwar kann sich ein großer Teil der Kreuzwegbeter mit dieser Art der Gestaltung vorerst noch nicht abfinden, da sie ihnen zu modern erscheint“, schrieb die Esslinger Zeitung im Mai 1956. Doch habe man sich einmal ernstlich hineinversetzt, „werden sich die Gestalten einem ganz erschließen und die Steine zu reden beginnen“, bemerkte der Autor weiter. Tatsächlich scheinen die reliefartig in den Block eingeschriebenen Figuren zunächst abweisend, denn sie zeigen nur wenig Gestik und Mimik. Doch gerade in dieser Reduktion liegt eine enorme Kraft und Stärke. Die Figuren konzentrieren sich und den Betrachter auf den Moment des Geschehens, alles ist klar und eingeschlossen in diesen einen Augenblick

Die erste Station des Kreuzweges zeigt den verurteilten Jesus, er trägt eine Dornenkrone, ein Spottszepter und einen Soldatenmantel, in der zweiten Station beginnt er seien Leidensweg zu gehen, mit seinen Armen umfängt er zwei Balken. Sie sollen auf Golgatha zu einem Kreuz zusammen gefügt werden. Die Heilige Veronika trägt in der sechsten Station das Schweißtuch mit dem Antlitz von Jesus. Gezeigt wird sie als aufrechte, starke Persönlichkeit, Kraft schöpfend aus ihrem unerschütterlichen Glauben. Zwei Stationen später weint Maria um ihren Sohn, „ihre Hände fallen ohnmächtig und in namenlosem Schmerz herab, bittend um Schutz, Gnade und Segen für alle Kinder dieser Erde“, so beschreibt der Künstler selbst die Skulptur. Die zwölfte Station zeigt Jesus am Kreuz und die letzte schließlich Maria und Jesus. Maria hüllt den gepeinigten Leib ihres Sohnes in einer schmerzerfüllten, liebevollen Geste in einen Mantel, der Mantel wird so zum Symbol der schützenden Mutterliebe.

Für jede Station erhielt der Künstler damals 320 Mark. Vierzehn Familien aus Neuhausen spendeten jeweils eine Figur, ihre Namen sind teilweise auf der Rückseite der Steine eingemeißelt. Wilhelm von Rechenberg durfte während seiner Zeit in Neuhausen kostenlos bei Familie Kärcher wohnen. Seine Frau und seine acht Kinder lebten derweil in Obernau bei Rottenburg. Immer wieder besuchen seine Töchter, Söhne und Enkelkinder auch heute noch den Kreuzweg, zuletzt im Herbst 2011.

Die Josefskapelle liegt umringt von hohen Bäumen im Gewann Hochau, am südwestlichen Ortsrand von Neuhausen. Die Bäume frieden das Ensemble ein und verleihen ihm gleichzeitig einen eigenwilligen, manchmal auch etwas düsteren Charme. Der kinderlose Josef Walter hatte in seinem Testament von 1875 sein kleines Vermögen der Kirchenpflege vermacht. Mit den von ihm ersparten 2000 Gulden sollte „auf Hochau beim Missionskreuz“ eine Kapelle zu Ehren seines Namenspatrons gebaut werden. Im Jahr 1877 war die Kapelle fertig gestellt, 1988 wurde sie von der Bürgergarde renoviert.

Auf dem Feldweg zur Josefskapelle standen bereits zwischen 1882 und 1906 die 14 großen Sandsteinquader. An ihnen waren kleine Ölbilder auf Metallplatten im Nazarener Stil angebracht. Sie zeigten ebenfalls die Passionsgeschichte und wurden von den Gläubigen regelmäßig besucht. 1906 wurden die Steine dann um die Josefskapelle aufgestellt, die Ölbilder allerdings waren mit der Zeit fast zerstört und so beauftragte der damalige Pfarrer Rudolf Wagner 1953 Wilhelm von Rechenberg mit der Neugestaltung des Kreuzweges. Die einzelnen Stationen sollten dabei aus den vorhandenen Steinblöcken geschaffen werden. Sie wurden aber so umgestellt, dass, so die Vorstellung des Bildhauers, „der Weg des Leidens Christi wie in einem Zuge zu überschauen ist.“

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